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„Demokratie fördert wirtschaftliches Wachstum und soziale Gerechtigkeit – und umgekehrt.“ Der Volkswirt Uwe Sunde will genauer wissen, ob diese Aussage, die zur Grundphilosophie der westlichen Welt gehört, tatsächlich so stimmt.
Lässt sich berechnen, wann ein Land einen politischen Umsturz erleben wird? „Nicht im Sinne einer Wettervorhersage, in der es heißt: Morgen wird es regnen“, sagt VWL-Professor Uwe Sunde. Aber der Leiter des Seminars für Bevölkerungsökonomie der LMU schiebt gleich hinterher: „Man kann jedoch qualitativ sagen: Wenn ihr es weiter so laufen lasst, dass die Ungleichheit steigt, dann wird es wahrscheinlicher, dass es kracht.“ Wobei er noch eine weitere Botschaft erwähnt, die manche Leser seiner Aufsätze irritiert: Nach seinen Forschungsergebnissen sind undemokratische Staaten dann besonders stabil, wenn der Wohlstand besonders ungleich verteilt ist. „Für diese Aussage bin ich schon angefeindet worden“, erzählt Sunde.
Doch seine Kritiker seien einem Missverständnis erlegen. Es gehe ihm nicht darum, oligarchische Systeme zu rechtfertigen. Er will verstehen, unter welchen Umständen politische Systeme und staatliche Ordnungen stabil bleiben, und unter welchen Bedingungen sie elementare Umbrüche erleben. Und davor sind auch vermeintlich beständige Demokratien seiner Ansicht nach nicht gefeit. Auch für Demokratien hat er eine Grunderkenntnis gewonnen: Sie erleben nur dann keine allzu heftigen Turbulenzen, wenn die Unterschiede zwischen Arm und Reich nicht übermäßig groß sind.
Sundes Aufsätze widmen sich Themen, die Grundfragen des Menschseins berühren: Freiheit; wirtschaftliche Gleichheit; die Möglichkeit, eigene Interessen durchzusetzen und wirtschaftlichen Wohlstand zu erlangen. Doch räsoniert er in seinen Texten nicht darüber, wie die Welt und die Wirtschaft sein sollten. Vielmehr sind seine Aufsätze von der Frage bestimmt, wie die Dinge in der Realität funktionieren. Dabei kombiniert er theoretische Modelle und statistische Analysen, um Forschungsfragen zu isolieren und in den Daten nach Anhaltspunkten zu suchen. Seinen Untersuchungen legt er gerne möglichst einfache Annahmen und Szenarien zugrunde, etwa über einen Ressourcenkonflikt zwischen der Elite in einem oligarchischen Staat und dem Rest der Bevölkerung. Mit Hilfe einer spieltheoretischen Analyse zeigt er auf, dass es – ganz nüchtern gerechnet – für eine wirtschaftlich und politisch unterdrückte Mehrheit in einem Land durchaus rational sein kann, sich mit der Unterdrückung durch eine Elite zu arrangieren. Das ist vor allem dann der Fall, wenn die Möglichkeiten der Elite so enorm viel größer sind als die Möglichkeiten der breiten Bevölkerung, sodass das Volk weiß: Es hat keine Aussicht, grundlegende Änderungen herbeizuführen. In solchen Situationen erweisen sich autoritäre Staaten als stabil und gewähren sogar vergleichsweise große wirtschaftliche Freiheiten. Zu einem Umsturz kommt es am ehesten dann, wenn eine benachteiligte Mehrheit sich reelle Chancen auf einen erfolgreichen Umsturz machen kann, auf den ein vermeintlich besseres Leben folgt – oder, wenn die benachteiligte Mehrheit nichts mehr zu verlieren hat und keine andere Perspektive mehr sieht. Dieses Kalkül hat sicher im „Arabischen Frühling“ eine wichtige Rolle gespielt.
Sunde bezieht seine Modelle und Grunderkenntnisse nicht gerne auf einzelne Fallbeispiele oder historische Ereignisse, sondern er versucht, aus vielen Daten allgemeingültige Muster herauszudestillieren. Ihm sei dabei eines bewusst, betont er: „Alle Modelle sind eine Abstraktion der Realität, und vernachlässigen bewusst viele Aspekte und Facetten .“ Doch es gehe ihm als Ökonom nicht darum, dass ein Rechenmodell die gesamte Wirklichkeit exakt wiedergibt. Sunde zufolge können solche Modelle „einen wesentlichen Aspekt eines Problems herausarbeiten und klar beleuchten, in allen Konsequenzen“. Alle nur denkbaren Faktoren gleichzeitig zu berücksichtigen sei weder möglich noch hilfreich. „Deshalb muss man sich überlegen, welche Mechanismen sind fundamental relevant, um Struktur in dieses ganze Tohuwabohu zu bringen“, sagt er.
Auf diese Weise könne es der Ökonomie gelingen, Entwicklungen zu analysieren und zu verstehen, über die man sonst nur Mutmaßungen anstellen könnte. So deuten Sundes Ergebnisse darauf hin, dass der Übergang von einer undemokratischen Herrschaft zu einer Demokratie vor allem dann den Wohlstand eines Landes steigen lässt, wenn dieser Übergang friedlich erfolgt. Sunde hat diese Hypothese mit Wirtschaftsdaten aus 166 Ländern, mehr als fünf Sechstel aller Staaten, über die letzten 50 Jahre überprüft. Das Ergebnis sei sehr robust, sagt er. Demokratisierung sorge im Durchschnitt dafür, dass die Wirtschaftsleistung eines Landes um 1 bis 1,2 Prozentpunkte pro Jahr schneller wachse, als es ohne einen Übergang zur Demokratie der Fall wäre. Dieser Effekt ist dauerhaft und erstreckt sich auch auf andere Bereiche, etwa die Qualität von Institutionen oder die innere Sicherheit.
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